Sozialer Abstieg in zwei Zügen

Zug um Zug
Frankfurt Hauptbahnhof, 18:30 Uhr.
An Wochentagen bietet der Frankfurter Hauptbahnhof jeden Abend zwischen fünf und sieben das gleiche Bild. Sämtliche Pendler verlassen nicht das sinkende Schiff, sondern die Stadt der Banken, die sich nicht von ungefähr gerne Mainhattan nennt. In diesen Stunden ist der Bahnhof fest in der Hand der Anzugträger. Zwei Jahre lang war ich Teil dieser Pendlergemeinschaft, auch wenn ich zum Glück selten Anzug tragen musste.
So auch irgendwann im Oktober 2007. Ohne mein unerschütterliches Selbstbewusstsein wäre ich mir in Jeans und T-Shirt spätestens dann schäbig vorgekommen, als ich meinen ICE betrat. Dort war der Armani und Hugo Boss Anteil sogar noch höher, als im restlichen Bahnhof. Schräg gegenüber stießen an einem der wenigen Tische zwei aalglatte ältere Herren und zwei jüngere, wie Sekretärinnen wirkende Frauen, mit Champagner an. Dabei zwinkerten die beiden Herren sich auffällig unauffällig zu. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.
Ansonsten herrschte aber rege Betriebsamkeit. Immerhin konnte ich mit meinem Dell-XPS Laptop einigermaßen gut mit den zahlreich vorhandenen Macbooks mithalten, die gezückt wurden, noch bevor der Zug losfuhr. Eins habe ich nach zwei Fahren ICE gelernt. Nur die wirklich Wichtigen haben IBM-Notebooks, die für viel Geld immer noch immer unglaublich billig aussehen.
Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden nutzte ich meinen Computer aber nur zum Solitaire spielen. Nach drei erfolglosen Versuchen döste ich den Rest der Fahrt und lasse mich vom permanenten Klicken der Tastaturen beruhigen.
Köln Hauptbahnhof 19:40
Kaum in Köln angekommen war es mit der Ruhe vorbei. „Do simmer dabei, dat is prima,“ schallte es von links über die Gleise. Eindeutig ein Junggesellenabschied. Ungefähr fünfzehn Jungs trugen bayerische Lederhosen und ein T-Shirt mit der Aufschrift. „Sein Ende ist nahe“. Nur einer trug ein Dirndl und ein Schild auf dem steht „Mein Ende ist nahe“. Damit war auch der baldige Ehemann identifiziert. Rechts auf dem gleichen Bahnsteig stimmte ein weiblicher Junggesellenabschied mit „Viva Colonia“ völlig unmusikalisch, aber dafür höchst motiviert in das Lied ein. Sie trugen alle seltsame Cowboyhüte und ich hoffte, dass es sich bei der Blondine in einem grellpinken Kleid mit Glitzerapplikationen um die zukünftige Braut handelte. Falls nicht hatte sie einen fürchterlichen Geschmack. Während ich zur S-Bahn hetzte sangen die beiden Gruppen das Lied zwar nicht zu Ende, aber dafür noch mindestens fünfmal den Refrain. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber zumindest gefühlt ist Köln in Deutschland der Ort mit der höchsten Dichte an Junggesellenabschieden.
In der S-Bahn komme ich mir zum ersten Mal am heutigen Tag vor, wie Tom Gerhard im Film Ballermann 6. „Endlich mal normale Leute“. Anzugträger, Studenten, Arbeiter, jugendliche Proleten, Senioren und Kinder stehen und sitzen friedlich nebeneinander.
Bahnhof Köln Mülheim, 20:05 Uhr
Der Regionalbahnhof in Köln Mülheim ist zumindest nach Einbruch der Dunkelheit kein besonders einladender Ort. An diesem Abend war ich noch dazu der einzige, der hier die S-Bahn verließ. Von den Bahnsteigen geht es über Treppen zu einem schummrigen unterirdischen Gang, der die einzelnen Bahngleise mit den Ausgängen verbindet. Die schmierigen Kacheln an den Wänden sind mit künstlerisch nicht besonders wertvollen Graffitis verschönert.
Immerhin wurde ich freundlich empfangen.
„Hör auf, mich vollzuquatschen du dämliche Fotze, sonst schlag ich dich kaputt!“ schallt es von der tiefen Gewölbedecke wieder. Ich habe mir erlaubt, diesen Satz aus dem alkoholischen ins Deutsche zu übersetzen. Der Urheber dieser Unmutsäußerung befand sich rechts von mir genau am anderen Ende des Durchgangs vor einem Passbildautomaten. Abgesehen von dem selbst auf diese Entfernung verkommen und schmutzig wirkenden Mann war niemand zu sehen. Auch links von mir war ein Ausgang. Da die S-Bahnen das hinterste Gleis benutzten, war er nur wenige Meter entfernt und sehr verlockend. Ich hatte wenig Lust, mir nach einem anstrengenden Arbeitstag noch zusätzlichen Stress zuzumuten.
Meine gute Erziehung siegte. Wer auch immer da jetzt eingeschüchtert in der Fotokabine saß. Ich konnte sie, zumindest das Geschlecht war dank seiner charmante Anrede ja klar, nicht im Stich lassen. Obwohl der Betrunkene immer weniger gefährlich aussah, je näher ich ihm kam, muss ich zugeben, mich schon wohler gefühlt zu haben. Das knapp einen Meter große Männchen trug einen übergroßen Parka und konnte sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Sein Gesicht verbarg sich hinter verfilzten Haaren, wobei es schwer war, Bart und Kopfhaar auseinanderzuhalten. Im absoluten Notfall sollte er also kein ernst zu nehmender Gegner sein. Trotzdem wurde ich mit jedem Schritt langsamer. Jetzt konnte ich ihn schon riechen, was ich zu ignorieren versuchte und meinen Blick auf den Passbildautomaten zu konzentrieren. Die Duftbombe machte das gleiche und würdigte mich so keines Blickes.
Der Vorhang der Fotokabine war nicht vorgeschoben und die Kabine war vollkommen leer. Ich konnte wirklich alles gut überblicken. Nicht einmal Kate Moss hätte sich dort noch irgendwo verstecken können. Was zur Hölle sollte also das Theater dieser seltsamen Gestalt?
Eigentlich konnte es mir aber auch egal sein. Solange er sich nur selbst gefährdete, konnte es mir aber auch egal sein. Trotzdem fragte ich mich, was das ganze sollte. Bis ich die Stimme hörte:
„Hallo ich bin dein sprechender Fotoautomat, hier kannst du …“
und schon ging es wieder los „Ich hab dir gesagt du sollst die Fresse halten, du dämliche..“
Ich weiß nicht was Euch jetzt durch den Kopf geht, aber wisst ihr, was ich in diesem Moment dachte.
Endlich zuhause!
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Tags: Bahnhof, Ballermann 6, Dell, Frankfurt, Hugo Boss, ICE, Junggesellenabschied, Köln, Macbook, sozialer Abstieg, XPS, Zugfahrt


Wirklich ein Kulturschock und doch alles Menschen.
In Berlin kannst du auch allen begegnen am einem Tag, Ich bin ja mehr als Autofahrer unterwegs, kreuze ich gewisse Bezirke, verschließe ich mein Auto während der Fahrt, in anderen Bezirken wirkt mein Traumauto wie ein Trabant.
Schlimm an den momentan Privlegierten ist die Arroganz und Ignoranz und an den unteren Randgestalten finde ich gefährlich, dass sie nichts zu verlieren haben.
(Dass der den Automaten meint, dachte ich mir, denn eine Frau, die sich mit so einem Männchen abgibt und in Konflikt gerät ist sicher auch nicht geräuscharm.)
Hallo Miki,
mit Berlin hast Du vollkommen recht. Habe mal ein Jahr dort gewohnt. Und die Stadt ist so groß und unterschiedlich, dass einen schon zwei S-Bahn Stationen weiter eine neue Welt erwarten kann
Gruß
Fulano
P.S. Die Logik mit der vermutlich nicht geräuscharmen Partnerin gefällt mir. Da hätte ich selber drauf kommen können.
Jau, Der Artikel ist schön und wird zu Unrecht nicht gelesen! ;O) LG Kaddi
Genau das wollte ich hören
Gruß
Fulano
Finde ich gut, dass du dich an den bärtigen Menschen herangetraut hast. Es hätte ja wirklich noch eine Frau drin sein können.
Aber dass es ein sprechender Fotoautomat ist: Hätte ich jetzt echt nicht erwartet.
Gut geschrieben,
Hallo Tobi,
ich finde soviel Zivilcourage muss sein. Gleichzeitig bin ich aber auch jedesmal froh, wenn sie sich als unnötig herausstellt.
Gruß
Fulano
So…nun habe ich auch den “Sozialen Abstieg in zwei Zügen” durch – ein toller Beitrag. Ich denke, dass er in den letzten Tagen doch noch zu seinem verdienten Ruhm gekommen ist, oder? Von mir: Drei-Daumen-Hoch
Freut mich, dass er Dir gefällt. Drei Daumen hoch ist bisher eindeutig die höchste Wertung, die der Text jemals von einer Person erhalten hat
Das will ich sehen!
Gruß
Fulano