Vorurteile sind selten von Vorteil

Langjährige Leser mögen sich erinnern, oder in den Kommentaren wiederfinden. Doch das aktuelle Thema im EM-Abseits lautet Fußball und Männer und da fand ich, dieser alte Beitrag passt dazu, wie die Faust aufs Auge.

Auf einer Party in Berlin unterhielt ich mich zu fortgeschrittener Stunde mit einem Landschaftsgärtner, namens Ulf. Er war knapp zwei Meter groß, wog geschätzte 120 Kilo, die sich abgesehen von seinem Bierbauch vor allem auf Muskeln verteilten. Auf diesen wiederum verteilten sich wiederum zahllose Tätowierungen, einige davon im beliebten knasttintenblau. Seine polternde Bassstimme mit Berliner Slang und dass er in Arbeitskleidung zur Party erschienen war, rundeten das Bild ab.

Worüber wir uns unterhielten weiß ich nicht mehr genau, es war schließlich schon spät. Aber wie das so ist, wenn sich zwei Männer unterhalten, kamen wir irgendwann auf Fußball. Genauer gesagt auf Hansa Rostock, die damals noch Bundesliga spielten. Hansa Rostock erinnerte mich wiederum an eine Geschichte, die mir der Gastgeber der Party mal erzählt hatte. Und weil die lustig war, beschloss ich, sie zum Besten zu geben.

In der Kurzfassung lautet sie wie folgt: Mein Kumpel war mit einem befreundeten Schwulen zu einem Auswärtspiel der Hertha BSC Berlin gegen Hansa Rostock gefahren. Politisch korrekt, wie Fußballfans nun einmal sind, sang der ganze Fanbus auf der Hinfahrt:

Rostock ist die schwulste Stadt der Welt!

Worauf sich der schwule Begleiter zu meinem Kumpel herüber beugte und sagte:

Das kann ich so nicht annähernd bestätigen!

Über die Qualität der Geschichte kann man streiten, Ulf fand sie jedenfalls ziemlich witzig. Nachdem er sich eine Weile vor Lachen ausgeschüttet hatte, kam er auf mich zu, ließ seine tätowierte Pranke auf meine Schulter fallen und sagte:

Das war ich, Du Idiot!

Jetzt war ich platt. Was war mit all meinen schönen Vorurteilen? Ich komme ja aus Köln, den Umgang mit Schwulen bin ich also gewohnt. Aber dieser gefährlich aussehende Berliner Bär sollte schwul sein? Ich meine ehrlich. Sind denn alle Vorurteile wertlos geworden? Hätte er mir erzählt, er wäre der Anführer der Hertha-Hooligans hätte ich das schneller geglaubt. Mein Unglauben stand mir scheinbar ins Gesicht geschrieben, denn er sah mich halb belustigt, halb aggressiv an.

Was ist denn los?

Leider begann mein Mund schon zu reden, bevor mein Gehirn sich den passenden Text dazu überlegen konnte.

Also, ich hätte nie erwartet, dass ein Typ wie Du…

Dass ein Typ wie ich?

Das klang erschreckend aggressiv. Jetzt steckte ich in der Patsche. Doch ich kriegte tatsächlich noch die Kurve.

Ja, dass so ein Typ wie Du Hertha-Fan ist!

Sämtliches Aggressionspotential in Ulf verschwand so schnell, wie es gekommen war. Zwar taten die gewaltigen Schulterklopfer weh, die er mir beim Lachen gab,  aber sie waren nett gemeint. Und ich musste nicht damit umgehen, von einem Schwulen verprügelt zu werden. Dafür mit der Tatsache, von einem Schwulen unter den Tisch gesoffen und dann nach Hause getragen worden zu sein.