Haiti ist weit weg

Zumindest von Deutschland ausgesehen. Da ich starke persönliche Bindungen in die Dominikanische Republik habe, war es mir gedanklich vielleicht näher als manch anderem und trotzdem noch weit weg.

Jetzt, nach dem verheerenden Erdbeben, ist der Karibikstaat auf einmal in aller Munde.  Völlig zu recht fühlen wir alle mit den Opfern und möchten spenden. Die Frage ist aber doch, warum wir vorher nicht so gedacht haben.

Haiti in der Karibik, das klingt erst einmal nach Sonne, Strand, Palmen, Rum und einem entspannten Leben. Die Kulisse dafür bietet Haiti mit Sicherheit, aber entspanntes Leben hat es dort auch schon vor dem Beben nur sehr bedingt gegeben. Auch da war Haiti schon eines der ärmsten Länder der Welt. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung mussten mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Auch da litten dort schon unzählige Menschen Hunger oder unter der Gewalt von marodierenden Banden. Interessiert hat das in Deutschland keinen. Und wenn ich heute in der Bildzeitung in einem Nebensatz von den ca. 300.000 Kindersklaven (Schätzung der UN) im Land lese, muss ich mich fragen, warum das vorher noch keine Schlagzeile wert war. 300.000, das sind ungefähr drei Prozent der gesamten Bevölkerung!

Wenn man sich überlegt, wie die Zustände in Haiti vor der Katastrophe waren, möchte man sich gar nicht ausmalen, wie es dort jetzt aussieht. Dabei war Haiti einst die reichste Kolonie der Welt. Frankreich verdiente mit ihr mehr, als im ganzen Heimatland. Was also ist passiert? Als erstes Land Amerikas wurde Haiti mit einer radikalen Revolution unabhängig. Dabei wurden alle Weißen des Landes verwiesen oder getötet. Damit wurde allerdings auch ein Großteil des Wissens über Zuckerrohranbau und die Infrastruktur des Landes vernichtet. Dominierende Clans und eine Vielzahl von Diktatoren wie Papa und Baby Doc Duvalier haben ihr übriges dazu beigetragen.

Daher stellt sich für mich die Frage, wie sinnvolle Hilfe für Haiti aussehen und durchgeführt werden soll. Damit meine ich jetzt nicht die absolut notwendige Soforthilfe, sondern folgendes:

Wird ein funktionierender Staat von einer Katstrophe heimgesucht, so muss das Ziel sein, diesem beim Wiederaufbau zu unterstützen. Was aber im Fall Haiti? Das Beispiel des Flughafens von Port au Prince zeigt für mich da leider den, meiner Ansicht nach, einzigen möglichen Weg. Zuerst muss die militärische Kontrolle übernommen werden, um dadurch den Helfern ihre Arbeit zu ermöglichen. Und wer sollte dies anders übernehmen, als die Amerikaner? Auch in weiten Teilen des Landes wird ihnen da vermutlich nichts anderes übrigbleiben. Zum ersten Mal in meinem Leben wäre das eine US-Invasion, mit der ich vollkommen einverstanden wäre.

Soweit gedacht, stellt sich für mich die Frage ob man diese Chance (in diesem Zusammenhang klingt das Wort makaber) nutzen muss. Ich bin sehr für die Eigenständigkeit von Staaten, aber auch sicher, dass Haiti sobald die Erdbebenhilfe abgeschlossen sein wird, wieder in den alten oder einen noch schlimmeren Zustand zurückfallen wird. Daher stelle ich mir gerade die Frage, ob ich nicht eine langfristige Kontrolle durch die USA bevorzugen würde. Ich glaube, den Menschen Haitis würde es dann besser gehen.

Ich wollte damit nicht sagen, dass wir die Hilfe den Amis überlassen sollen. Spendet ruhig, das Geld wird in Haiti dringend benötigt. Aber bis Euer Geld dort ankommt wird die erste Katastrophenhilfe ohnehin schon abgeschlossen sein. Daher möchte ich Euch bitten, Organisationen zu unterstützen, die langfristige Ziele haben, damit nicht nur das Überleben, sondern auch die Zukunft des Landes gesichert werden kann.

Einige werden sich über den für diesen Blog sehr untypischen Artikel wundern. Aber es war mir einfach ein Bedürfnis, meine Gedanken mitzuteilen, denn manchmal ist die Welt einfach nicht lustig.

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18 Kommentare zu “Haiti ist weit weg”

  1. AndiBerlin sagt:

    Ich empfehle den Roman “Voodoo” von Nick Stone, der auf Haiti spielt. Das ist ein äußerst spannender Krimi (oder schon ein Thriller?), der reichlich gespickt ist mit Infos über Haiti, was sich da abspielte und abspielt. Die extreme Armut der Menschen dort wird da genau beschrieben wird war für mich schon aufrüttelnd.
    Seit diesem Roman habe ich ein anderes Bild von Haiti. Und ich frage mich, wieso wurde da bis jetzt (nach dem Erdbeben) nicht schon vorher groß und breit durch die Medien auf die dort herrschenden Zustände aufmerksam gemacht. Ein Land, welches sich eine Insel mit der Dominikanischen Republik teilt welche von so vielen Deutschen besucht wird.

  2. rundumkiel sagt:

    Ich finde deinen Ansatz, jetzt darüber nachzudenken, wie aus dieser furchtbaren Katastrophe heraus für Haiti eine bessere Zukunft entstehen könnte, sehr zielführend. Ich denke, jetzt ist erstmal Soforthilfe angesagt, die Menschen sind einfach in einer furchtbaren Situation…

  3. april sagt:

    Ich finde deine Gedanken dazu sehr vernünftig; Ähnliches habe ich auch schon gedacht. Eventuell wirst du dir neokolonialistische Tendenzen vorwerfen lassen ;-)

  4. admin sagt:

    @AndiBerlin
    Vielen Dank für die Empfehlung. Das werde ich bestimmt lesen. In Bezug auf die Nachbarschaft mit der Dominikanischen Republik. Mich schockiert es schon immer, wie wenig die deutschen Urlauber über die DomRep wissen. Da wundert es mich nicht, dass sie von
    Haiti noch weniger Ahnung haben.
    P.S. 6:30 Uhr? Noch wach, oder schon wieder?

    @Rundumkiel
    Natürlich muss erst einmal die Soforthilfe weiterverfolgt werden. Da sind ja auch alle immer eifrig dabei. Was danach kommt ist oft noch viel schwieriger und oft werden die Länder damit allein gelassen.

    @April
    Willkommen auf meinem Blog. Mit den neokolonialistischen Tendenzen hast Du schon recht. Die werfe ich mir intern selber vor ;-)
    Aber manchmal ist das kleinere Übel in der Realität einfach besser, als ein schöner Traum.

    Gruß
    Fulano

  5. Kulturschock sagt:

    Lieber Fulano,
    du hast eine tolle Art schwierige Sachverhältnisse sehr gut zu erklären.
    Danke dafür.
    Ich hoffe, dass die Regierung in Haiti das beste aus dieser schwierigen Situation rausholen kann.
    LG
    KS

  6. admin sagt:

    Hallo Kulturschock,
    vielen dank für das Kompliment. Für mich ist gerade das die Frage. Kann die Regierung in Haiti das überhaupt?
    Oder müsste das nicht jemand anders übernehmen?
    Gruß
    Fulano

  7. AndiBerlin sagt:

    Fulano, da war ich schon wach. Hatte schlecht geschlafen.
    Und das Buch kann ich sehr empfehlen… wenn man denn spannende Romane / Krimis mag.

  8. Schaps sagt:

    Ist alles nachvollziehbar was du schreibst, seh ich genauso. Das Problem mit den Spenden ist immer dasselbe, das meiste versandet. Und was mich in diesem Fall auch recht beeindruckt hat. Wie “viel” die Bundesregierung hilft. 7,5 Millionen…wow! Nach dem Tsunami in Phuket waren es 500 Millionen….hm. Ich bin daher auch der Meinung, dass man gezielt Hilfswerke durch Spenden fördern sollte. Sprich, das THW und Ärzte usw

  9. admin sagt:

    Das mit den Spendensummen ist in der Tat ein Witz. Tiger Woods gibt übrigens 3 Millionen, nur mal so zum Vergleich :-(
    Gruß
    Fulano

  10. Dr. Borstel sagt:

    Ich kann dir leider nur zustimmen; ein großer Teil der Bevölkerung Haitis lebte schon vor dem Erdbeben von weniger als dem absoluten Existenzminimum, was weltweit bekannt war. Wären all diese Spendengelder schon vorher investiert worden, so hätte das Schlimmste längst verhindert werden können. Was eine langfristige Kontrolle durch die USA betrifft, so hättem im Moment vermutlich nur die wenigsten Haitianer etwas dagegen einzuwenden, nur wird sich der US-Senat bzw. das Parlament dafür wohl nicht begeistern können. Schließlich gibt es für die auf Haiti so gut wie gar nichts zu holen, und wann hätte die US-Regierung schon mal etwas aus Nächstenliebe unternommen?

    • admin sagt:

      Hallo Dr. Borstel,
      damit hast Du leider recht. Ob die US-Regierung das machen will, ist mehr als fraglich, was natürlich an Kosten bzw. Interessen liegt.
      Es gibt kein Bier auf Hawai und kein Öl auf Haiti..
      Gruß
      Fulano

  11. Nila sagt:

    Also ich wundere mich nicht über den so wie du es nennst “untypischen” Titel. Im Gegenteil. Ich kann dir nur vollkommen Recht geben.
    Trotzdem ist es momentan einem einfach ein Bedürfnis, wenn auch nur einen kleinen Betrag dazu beiszusteuern. Ich muss ehrlich zugeben, ich hätte sonst ein schlechtes Gewissen.
    Andererseits bin ich fest der Meinung, dass solbald das Schlimmste übestanden ist, die Großmächte ihre Spendenbereitschaft einstellen werden und die kleinen Hiilfsorganisationen ziemlich alleine gelassen werden.

    • admin sagt:

      Hallo Nila und willkommen bei mir.
      Ja genau deswegen war es mir ein Bedürfnis. Ich würde auch gerne Millionen von Dollar spenden, aber die habe ich nicht. Daher wollte ich zumindest etwas schreiben.
      Deine Befürchtung halte ich für ziemlich berechtigt, sie deckt sich ja letztlich mit meiner.
      Wollen wir einfach mal hoffen, dass die USA unter Obama auch mal anders reagieren, als wir erwarten.
      Gruß
      Fulano

  12. Nila sagt:

    Die Hoffnung stirbt zuletzt *seufz* Kein Öl, keine Bodenschätze, keine Aktien usw…. das wird nix :(
    Lg.

  13. admin sagt:

    Aber vielleicht hat Obama vor, endlich damit zu beginnen, sich seinen Friedensnobelpreis zu verdienen.
    Wie gesagt, die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Gruß
    Fulano

  14. Jouir la vie sagt:

    Deinen Bericht kann ich gerne, so es denn ginge und sinnvoll wäre, mit Tinte unterschreiben.
    Hinzufügen möchte ich noch, zum nachdenken geben, es waren einmal mehr die Europäer die sich an einem dieser Länder gnadenlos und brutal bereichert haben, es ausgemertz zurück, liegen gelassen haben, wie ein Stück Holz das man nicht mehr braucht. Ich denke, auch an diese Geschehnisse muss genauso im hohen Maß immer wieder erinnert werden, wie es uns heute für die Grausamkeiten des 2.Weltkrieges immer wieder, immer vehemennter zur Last gelegt wird.
    Doch davon, und auch in vielen weiteren solcher Taten, davon sind wir nicht nur weit entfernt, es ist einfach Geschichte.
    Eine so “tolle” Weltenstaatengemeinschaft aus Industrieländern sollte sich schämen, so mit ganzen Völkern umzugehen, leider tun sie es nicht…
    Servus und so long
    Kvelli

  15. admin sagt:

    Du hast vollkommen recht mit Deiner Einschätzung. Das Problem ist jetzt, dass die Situation in Haiti ohnehin schon so verfahren ist, dass eigentlich wieder eine vorübergehende “Kolonialisierung” des Landes notwendig wäre.
    Gruß
    Fulano

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Fulanos Worte

sind unpolitisch, aber nicht immer unparteiisch. Ich schreibe über Dinge, die mir auffallen, gefallen und manchmal auch missfallen. Das ergibt ein buntes Sammelsurium meiner Gedanken. Kommentare dazu sind erwünscht.